lumet Sidney LUMET

* 25.06.1924, Philadelphia, USA † 09.04.2011, New York (City), USA

Regisseur, Produzent * mit fünf Jahren gibt sein Bühnendebüt am Yiddish Art Theater in New York - als Kind tritt in mehreren Stücken (Dead End, 1935) am Broadway auf * Ausbildung an der Professional Children's School und Columbia University * 1939 einziger Auftritt als Filmschauspieler (One Third of a Nation) * 1942-46 Kriegsdienst * 1947 Gründer eines off-Broadway Ensembles und dessen Leiter * ab 1950 bei CBS - zunächst als Regieassistent, später als Regisseur von Live-Fernsehspielen (Serien Danger, You Are There) * 1957 feiert großen Erfolg mit seinem Debüt (12 Angry Men) als Filmregisseur * seit 1966 auch als Produzent tätig * spezialisiert sich auf Adaptationen von Bühnenstücken und Romanen * dreht vorwiegend in New York


Der 1924 in Philadelphia geborene Lumet war zunächst Theaterschauspieler, machte sich dann in den Fünfzigerjahren aber einen Namen als Regisseur beim Fernsehen. Schon mit seinem Kinoerstling «Twelve Angry Men» («Die zwölf Geschworenen», 1957) einen modernen Klassiker. In dieser brillant gespielten Verfilmung eines Bühnenstücks stellte er die Doppelmoral und die Scheinheiligkeit der amerikanischen Gesellschaft an den Pranger - ein Thema, das er zeit seines Lebens immer wieder aufgreifen sollte. Die meisten seiner grössten Erfolge drehte Lumet in den Siebzigerjahren, der Blütezeit des intelligenten und systemkritischen Kinos des Neuen Hollywood: «Serpico» (1973) und «Dog Day Afternoon» (1975) setzten sich mit Korruption und moralischen Grauzonen im Polizeialltag auseinander wie später auch «Prince of the City» (1981) und «Q&A» (1990); «Network» (1976) nahm Sensationsgier und Machtstreben im Fernsehen aufs Korn. Fünfmal für den Oscar nominiert, wurde Lumet 2005 mit einem Ehren-Oscar ausgezeichnet. Zwei Jahre später schuf er mit «Before the Devil Knows You're Dead» seinen letzten Film, der als Krimi um einen verpatzten Überfall beginnt und sich zu einem starken Familiendrama mit alttestamentarischen Zügen entwickelt. [SRF, März 2013]
Sidney Lumet wurde 1924 in Philadelphia geboren. Er ist der Sohn Baruch Lumets, eines großen Stars des jüdischen Theaters in New York. Bereits im Alter von vier Jahren sammelte er dort am Yiddish Theatre erste Erfahrungen als Schauspieler und als Sprecher bei Hörspielen. Mit zwölf Jahren hatte er in Sidney Kingsleys "Dead End" seine erste Rolle in einer Broadway-Inszenierung, dem viele Engagements folgten. Nach seiner Rückkehr aus dem Zweiten Weltkrieg - Lumet leistete seinen Dienst in China, Indien und Burma - gründete er zusammen u. a. mit Yul Brynner, Ann Jackson, Richard Kiley und Ruby Dee eine Off-Broadway-Theatergruppe, bei der er Erfahrungen als Regisseur sammelte. Brynner, der damals als Regisseur bei CBS arbeitete, war es auch, der Lumet 1949 das Angebot unterbreitete, bei dem Sender als Regieassistent einzusteigen. Nach einigen Jahren Erfahrung als Theater- und Fernsehregisseur gab Sidney Lumet schließlich 1957 sein Spielfilmdebüt mit "Die zwölf Geschworenen". Das packende Rechtsdrama katapultierte Lumet mit einem Mal ins Rampenlicht und erhielt den "Goldenen Bären" bei den Internationalen Filmfestspielen von Berlin und drei "Academy Award"-Nominierungen, u. a. für den besten Film und die beste Regie. Seinen neuen Ruhm nutzte Lumet, um eine Reihe von Projekten nach klassischen Theaterstücken zu verwirklichen, die ihm am Herzen lagen: Tennessee Williams' "Orpheus Descending", das mit Marlon Brando unter dem Titel "Der Mann in der Schlangenhaut" verfilmt wurde, Arthur Millers "Blick von der Brücke" und Eugene O'Neills "Long Day's Journey Into The Night" mit Katharine Hepburn in der Hauptrolle. Für Letztgenannten erhielt Lumet seine zweite Nominierung für den "Directors Guild Award". Im Laufe der Jahre erarbeitete sich Sidney Lumet den Ruf, der Prototyp eines Schauspieler-Regisseurs zu sein. Entsprechend stark war die Nachfrage selbst der größten Stars dieser Zeit, mit dem Mann aus Philadelphia zusammenzuarbeiten: Henry Fonda stand nach "Die zwölf Geschworenen" für Lumet noch in "Eines Tages öffnet sich die Tür" und "Angriffsziel Moskau" vor der Kamera, Sean Connery spielte in seinen Filmen "Ein Haufen toller Hunde", "Der Anderson Clan" und "Sein Leben in meiner Hand" und Rod Steiger in dem Klassiker "Der Pfandleiher". In den Siebzigerjahren feierte Lumet dank seines sorgfältigen, häufig fast dokumentarisch wirkenden Inszenierungsstils seine größten Erfolge. 1973 landete er mit "Serpico" - mit Al Pacino in der Hauptrolle eines Polizeibeamten, der sich allen Bestechungsversuchen widersetzt und so ins Fadenkreuz seiner eigenen Kollegen gerät - einen großen Kassenerfolg. Kurz darauf folgte die aufwändige, mit einem All-Star-Cast auftrumpfende Verfilmung des Agatha-Christie-Romans "Mord im Orient-Express". Der raffinierte Krimi wurde für sechs Oscars nominiert, und Ingrid Bergman erhielt die Auszeichnung als beste Hauptdarstellerin für ihre beeindruckende Leistung. Im folgenden Jahr kehrte Lumet wieder auf die heiß geliebten Straßen New Yorks zurück, um - erneut mit AI Pacino - das Drama "Hundstage" in Szene zu setzen, das sechsfach für einen Oscar nominiert wurde, wobei Drehbuchautor Frank Pierson eine der Statuetten mit nach Hause nehmen konnte. 1976 folgte "Network", ein weiteres Meisterwerk, das insgesamt für zehn Oscars vorgeschlagen wurde und vier davon (bester Hauptdarsteller, beste Hauptdarstellerin, beste Nebendarstellerin und bestes Drehbuch) auch gewann. In den Achtzigerjahren setzte Sidney Lumet seinen Erfolgslauf mit komplexen Dramen wie "Prince of the City" - den viele Kenner für das Kernstück seines Schaffens halten -, "The Verdict - Die Wahrheit und nichts als Wahrheit" oder "Daniel" fort. Auch wenn es gegen Mitte des Jahrzehnts ruhiger um Lumet wurde, konnte er mit Thrillern wie "Der Morgen danach", "Family Business" oder "Tödliche Fragen" immer wieder auf sich aufmerksam machen. Zuletzt war Lumet mit seinem brillanten Justizthriller "Nacht über Manhattan" mit Andy Garcia und Richard Dreyfuss in den Hauptrollen und dem Thriller "Gloria" - ein Remake des John-Cassavates-Klassikers "Gloria, die Gangsterbraut" - Gast auf deutschen Leinwänden. Sharon Stone wurde dabei die Nachfolgerin von Cassavetes' Ehefrau Gena Rowlands. Vor "Gloria" inszenierte er noch die Krankenhaus-Komödie "Sterben und Erben" mit James Spader, die in Deutschland allerdings nur auf Video veröffentlicht wurde. Zur Zeit arbeitet er an einem Boxerdrama, brillant besetzt mit Halle Berry und Benjamin Bratt. Im Jahr 1995 veröffentlichte Sidney Lumet außerdem das Buch "Filmemachen" - ein Werk über seine Erfahrungen als Filmemacher, das sich mittlerweile bereits in der achten Auflage befindet. [BR, Juni 2004]

FILMS

# 12 Angry Men (Die zwölf Geschworenen, 1956-USA) (06-07; 5704)
Stage Struck (Eines Tages öffnet sich die Tür, 1957-USA) Drama mit Henry Fonda, Susan Strasberg
That Kind of Woman (So etwas von Frau, 1959-USA) Tragikomödie mit Sophia Loren, Tab Hunter, G. Sanders
The Fugitive Kind (Der Mann in der Schlangenhaut, 1959-USA; R: SL, B: Tennessee Williams, Meade Roberts, K: Boris Kaufman, M: Kenyon Hopkins, D: Marlon Brando, Anna Magnani, Joanne Woodward) 121/35m-Drama
Vu du pont / Uno sguardo dal ponte (Blick von der Brücke, 1961-F/I) Drama mit Raf Vallone, Maureen Stapleton
Long Day's Journey into Night (1962-USA) Drama mit Ralph Richardson, Katharine Hepburn, Jason Robards
Fail-Safe (Angriffsziel Moskau, 1964-USA) Science-Fiction/Drama mit Henry Fonda, Walter Matthau
The Pawnbroker (Der Pfandleiher, 1964-USA) Psychodrama mit Rod Steiger
The Hill (Ein Haufen toller Hunde, 1964-GB) Militärdrama mit Sean Connery, Harry Andrews, Ian Bannen
The Group (Die Clique, 1965-USA; R: SL, B: Sidney Buchman, K: Boris Kaufman, MÜ: Charles Gross; Score Productions, D: Candice Bergen, Joan Hackett, Elizabeth Hartman, Shirley Knight, Joanna Pettet, Mary-Robin Redd, Jessica Walter, Kathleen Widdoes) 150m-Melodram (Roman von Mary McCarthy)
The Deadly Affair (Anruf für einen Toten, 1966-GB) Agententhriller/krimi mit James Mason, Simone Signoret
Bye Bye Braverman (1967-USA) Komödie mit George Segal
The Sea Gull (Die Möwe, 1968-GB; R: SL, B: Moura Budberg, K: Gerry Fisher, D: James Mason, Vanessa Redgrave, Simone Signoret, David Warner) 141m-Drama
The Appointment (Ein Hauch von Sinnlichkeit, 1968-USA) Drama mit Omar Sharif, Anouk Aimee
Last of the Mobile Hot-Shots (Blutsverwandte, 1969-USA) Drama mit James Coburn, Lynn Redgrave
# The Anderson Tapes (Der Anderson-Clan, 1970-USA) (Roman von Lawrence Sanders) (08-10; 7106)
Child's Play (1972-USA) Drama mit James Mason, Robert Preston, Beau Bridges
The Offence (Sein Leben in meiner Gewalt, 1972-GB * R: SL, B: John Hopkins, K: Gerry Fisher, M: Harrison Birtwistle, D: Sean Connery, Trevor Howard, Vivien Merchant) 113m-Psychothriller
Serpico (Serpico, 1973-USA) Krimi/Polizeithriller mit Al Pacino, Tony Roberts
Lovin' Molly (Aus Liebe zu Molly, 1973-USA) Drama mit Anthony Perkins, Beau Bridges, Blythe Danner
Murder on the Orient Express (Mord im Orient-Expreß, 1974-GB) Krimi mit Albert Finney & all-star cast
# Dog Day Afternoon (Hundstage, 1975-USA; R: SL, B: Frank Pierson, K: Victor J. Kemper, D: Al Pacino, John Cazale) 124/30m-Geiseldrama
Network (Network, 1976-USA) Mediensatire mit Faye Dunaway, William Holden, Peter Finch, Robert Duvall
Equus (Equus - Blinde Pferde, 1976/77-GB) Drama mit Richard Burton, Peter Firth
# The Wiz (The Wiz - Das zauberhafte Land, 1977-USA) (10-12; 7810)
Just Tell Me What You Want (Sag' mir, was Du willst, 1979-USA) Komödie mit Ali MacGraw, Alan King
Prince of the City (Prince of the City, 1981-USA) Polizeifilm mit Treat Williams, Jerry Orbach
Deathtrap (Das Mörderspiel, 1981/82-USA) Thriller mit Michael Caine, Christopher Reeve, Dyan Cannon
The Verdict (The Verdict - Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit, 1982-USA) Gerichtsthriller mit P. Newman
Daniel (Daniel, 1983-USA) Politdrama mit Timothy Hutton, Mandy Patinkin, Lindsay Crouse
Garbo Talks (Die Göttliche, 1984-USA) Tragikomödie mit Anne Bancroft, Ron Silver, Carrie Fisher, C. Hicks
Power (Power - Weg zur Macht, 1985-USA) Politthriller mit Richard Gere, Julie Christie, Gene Hackman
The Morning After (Der Morgen danach, 1986-USA) Thriller mit Jane Fonda, Jeff Bridges, Raul Julia
Running on Empty (Die Flucht ins Ungewisse, 1987/88-USA) Drama mit Christine Lahti, River Phoenix
Family Business (Family Business, 1988-USA) Krimikomödie mit Sean Connery, Dustin Hoffman
Q & A (Tödliche Fragen, 1989-USA) Polizeithriller mit Nick Nolte, Timothy Hutton, Armand Assante
A Stranger among Us (Strangers, 1991-USA) Krimi mit Melanie Griffith, Eric Thal
Guilty as Sin (Jenseits der Unschuld, 1992-USA) Psychothriller mit Rebecca DeMornay, Don Johnson
Night Falls on Manhattan (Nacht über Manhattan, 1995/96-USA) Justizthriller mit Andy Garcia, Richard Dreyfuss
Critical Care (Critical Care, 1997-USA) Satire mit James Spader, Kyra Sedgwick, Helen Mirren, Anne Bancroft
Gloria (Gloria, 1998/99-USA) Melodram mit Sharon Stone, Jean-Luke Figueroa
Find Me Guilty (2004/05-USA) Drama mit Vin Diesel, Peter Dinklage, Linus Roache, Ron Silver, Annabella Sciorra
# Before the Devil Knows You're Dead (Tödliche Entscheidung, 2006-USA) (0710)

AWARDS

Goldener Bär für 12 Angry Men [Berlinale 1957]
Silberne Muschel für The Fugitive Kind [Filmfestival San Sebastián]
FIPRESCI-Preis für The Pawnbroker [Berlinale 1964]
Los Angeles Film Critics Association Award für Dog Day Afternoon (beste Regie, 1975)
Los Angeles Film Critics Association Award für Network (beste Regie, 1976)
Golden Globe für Network (beste Regie, 1977)
New York Film Critics Circle Award für Prince of the City (beste Regie, 1981)
National Board of Review Award für The Verdict (beste Regie, 1982)
Lifetime Achievement Award [Directors Guild of America 1993]
Ehren-Oscar (2005)
Career Achievement Award [Los Angeles Film Critics Association Awards 2007]
Lifetime Achievement Award [New York Film Critics Circle Awards 2007]

BOOKS

Sidney Lumet: Making Movies. New York: Alfred A. Knopf, 1995
+ Filme machen – Hinter der Kamera mit einem großen Regisseur. München: Heyne, 1996
Jay Boyer: Sidney Lumet. New York: Twayne, 1993
Frank R. Cunningham: Sidney Lumet: Film and Literary Vision. Lexington: University Press of Kentucky, 2001
Joanna E. Rapf: Sidney Lumet: Interviews. Jackson: University Press of Mississippi, 2006

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